Marion Wehrhahn

Steckbrief:

Name:

Marion Wehrhahn

Alter:

50 Jahre

Wohnort:

Hannover-Südstadt

Beruf:

Seit 32 Jahren Sozialversicherungsfachangestellte bei der AOK Niedersachsen in Hannover

Hobbys:

Homöopathie, Bachblüten, lesen, Kinofilme

Und sonst noch:  Seit 7 Jahren ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Ambulanten Palliativ- und Hospizdienst Hannover.

 

Mein Weg zur Transplantationsbegleiterin

Begonnen hat alles mit der Nieren-Transplantation meiner jetzt 19-jährigen Tochter am 1.2.2007. Sie hat mit vielen Höhen und Tiefen den erfolgreichen Eingriff überstanden und versucht jetzt ihr neues Leben zu ordnen und zu genießen. Heute ist sie auch froh darüber, dass sie mein Geschenk in Form einer neuen Niere angenommen hat. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Während der gesamten Zeit seit Erkrankung bis zur Transplantation –das waren 14 Jahre (!)- fühlten wir uns medizinisch und auch psychologisch gut betreut. Für meine Tochter waren die Kinder-Nierenambulanz der MHH und später das KfH wie ein zweites Zuhause. Medizinisch war die Betreuung super. Wir freuen uns auch heute noch, wenn wir „unseren“ Transplantationschirurgen zufällig treffen.

Aber psychologisch kann ich das Ganze nur als Katastrophe beschreiben. Die Zusage der Psychologin, sich intensiv um meine Tochter zu kümmern, sah so aus, dass sie während der gesamten Krankenhauszeit (aufgrund einer Viruserkrankung verzögerte sich die Entlassung) immerhin 2-mal auftauchte!

Psychisch gab es viele kleine Krisen, die dann trotz der liebevollen Unterstützung durch Familie und Freunde für meine Tochter leider in der Psychiatrie der MHH endeten. Dort bekam sie dann die ersehnte Hilfe. Als diese schwere Zeit überstanden war, hat sich bei mir neben Enttäuschung und Unverständnis auch sehr viel Wut breit gemacht. Weshalb wird eine junge Frau nach einem so einschneidenden Erlebnis völlig allein gelassen? Und zwar von professioneller Seite allein gelassen. Genau in dieser Phase stöberte ich einmal wieder in der Stadtbibliothek nach neuen Büchern. Und da fiel mir ein Flyer in die Hände , der mich sofort ansprach. Angeboten wurde ein „Qualifizierungskurs zur Transplantationsbegleiterin“. Das war bestimmt kein Zufall, das war ein Wink des Himmels. Die Inhalte sprachen mich sofort an: hier könnte ich zumindest andere unterstützen, damit sie nicht die gleichen schlimmen Erfahrungen wie wir machen müssten. Und so bin ich zum Kurs und zum Transplantationsverein gekommen.

Der Kurs begann im Oktober 2007 und endete im April 2008. Sieben Monate lang gehörten die Freitagnachmittage drei Stunden lang der Ausbildung zur Transplantationsbegleiterin.

Der Kurs fand in der MHH und in den Räumen der evangelischen und katholischen Erwachsenenbildung statt. Mit den unterschiedlichen Orten wechselten auch die Themen. Richtig spannend fand ich einen Nachmittag bei dem Transplantationschirurgen Dr. Simon in einem der Hörsäle der MHH. Mit seiner leicht provozierenden Art zog er uns in seinen Bann und vermittelte die medizinische Seite der Transplantation dermaßen engagiert, dass wir die Zeit fast völlig vergaßen. Wir lernten einen menschlichen Mediziner kennen, der mit Leib und Seele und vor allem mit viel Herz dabei ist. Beeindruckend fand ich auch die Art seines Vortrages: Herr Dr. Simon arbeitete im Gegensatz zu anderen Referenten, völlig ohne schriftliches Konzept und sprach uns Laien aktiv an.

Neben der medizinischen Seite wurde natürlich auch die psychologische beleuchtet. Wir befassten uns mit Fragen wie z.B.:

  • Was kann eine TransplantationsbegleiterIn in einer Krise (Wut, Schock, Angst...) der/des zu Begleitenden tun?

  • Muss ich als Begleiterin immer stark sein und Zuversicht ausstrahlen?

  • Wie gehe ich mit Verzweiflung und Enttäuschung um?

    • Was hat mir in Krisensituationen geholfen?

    • Welche Themen kann die/der Betroffene ansprechen?

  • Worauf muss ich achten, wenn ich PatientInnen aus anderen Kulturen begleite?

  • Wann ist ein Leben für mich lebenswert?

  • Welche Rolle spielt der Glauben für mich?

  • Wie gehe ich mit Trauer um? à

  • Wo stoße ich an meine Grenzen in der Begleitung?

Manche dieser Fragen gingen an unsere persönliche Substanz, wurden heiß und kontrovers diskutiert, manches Mal berührten uns die Themen so, dass auch Tränen flossen. Immer bewegten wir uns in einem „geschützten Raum“, in dem wir ohne Ängste alles sagen und loswerden konnten, wenn wir das wollten. Natürlich gab es keinen Zwang. Das förderte die Bereitschaft unter den TeilnehmerInnen, viel von der eigenen Persönlichkeit zu zeigen und führte mit der Zeit zu sehr offenen Gesprächen.

Neben den vielen Fakten, die ich im Kurs dazu gelernt habe, sind mir vor allem viele liebe und interessante Menschen begegnet, mit eigenen Geschichten und Schicksalen. Allein dafür hat sich die Ausbildung gelohnt.

Jetzt warte ich darauf, dass es losgeht. Dass ich über den Transplantationsverein oder die MHH organtransplantierte Menschen und ihre Familien begleiten darf, damit sie nicht ganz allein mit ihren Ängsten und Nöten da stehen.


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